Geschichte der jüdischen Gemeinde und der Synagoge Stavenhagen

In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts ließen sich mehrere jüdische Familien in Stavenhagen nieder. Unter dem Schutz des Herzogs, den sie mit jährlich zwölf Talern bezahlen mussten, war es Juden nun erlaubt, in der Stadt zu leben und Handel zu treiben.

Die jüdische Gemeinde Stavenhagens entwickelte sich rasch. Im Jahr 1764 erwarben die Stavenhagener Juden eine Fläche am Stadtholz und legten dort ihren Friedhof an. Zwanzig Jahre später konnten sie als ihr Gemeindehaus ein Wohnhaus mit dahinter liegendem Garten kaufen. Im Untergeschoss wurde die Schul- und Betstube eingerichtet und im Obergeschoss die Wohnung des Religionslehrers und Schächters. Die heutige Adresse des renovierten Hauses ist die Malchiner Straße 38.

Die Synagoge ist eine der ganz wenigen ursprünglich erhalten gebliebenen Synagogen in Mecklenburg-Vorpommern. Das Foto zeigt den Zustand im Jahre 1988.

Bereits 1788 baute die Gemeinde im Gartenbereich eine kleine Synagoge und weil das Grundstück über eine eigene Wasserquelle verfügte, konnte dort auch eine Mikwe, also ein traditionelles jüdisches Tauchbad, entstehen. Von beidem sind heute leider keine Überreste mehr zu finden.

Das Preußische Emanzipationsedikt von 1812 bescherte auch den Juden Mecklenburgs vorübergehend mehr wirtschaftliche Freiheiten. Der wachsende Wohlstand ermöglichte der jüdischen Gemeinde Stavenhagens im Jahr 1821 den Neubau ihrer Synagoge, die wie die Synagogen in Bützow, Hagenow, Malchow und Röbel als einfacher Fachwerk-Walmdach-Bau mit einem Grundriss von etwa 10 mal 12 Metern errichtet wurde. Über dem Eingangsflur gab es eine Empore, wo die Frauen saßen, während die Männer unten im eigentlichen Synagogenraum an einzelnen Stehpulten beteten. An der Ostwand war ein Misrachfenster, ein Rundfenster, dessen Sprossen einen Davidstern zeichneten. Unter diesem Fenster stand vermutlich der Toraschrein mit den Schriftrollen. Die Verwendung von hochwertigem Eichenholz zahlte sich knapp 200 Jahre später beim Wiederaufbau der Ruine aus, da viele Originalelemente verwendet werden konnten.

Als sich in den 1830-er Jahren allmählich aufgeklärte, liberale Gedanken durchsetzten, geriet auch die Ausgrenzung und Benachteiligung der jüdischen Minderheit in den Fokus. Auf jüdischer Seite stritten Reformer mit Orthodoxen um das richtige Maß der Assimilation, also der Anpassung an die christliche Mehrheitsgesellschaft. Die Reformjuden verstanden sich als jüdische Deutsche, die ihre Heimat in Deutschland gefunden hatten, und die alte jüdische Hoffnung auf Rückkehr nach Israel hatte für sie keine Bedeutung mehr. Der erste Landesrabbiner Mecklenburg-Schwerins, Dr. Samuel Holdheim, zählt zu den maßgeblichen Vertretern der jüdischen Reformbewegung des 19. Jahrhunderts. Er gab dem Gottesdienst mit einer durchkomponierten Liturgie, Chorgesängen und einer Predigt auf Deutsch eine neue Ordnung, der eine Umgestaltung der Synagogen entsprach.

Die jüdische Gemeinde Stavenhagens entwickelte sich in den 1840-er Jahren zu einer der bedeutendsten jüdischen Gemeinden des Landes der Reformzeit. Im Februar 1842 beschloss sie den Aus- und Umbau ihrer Synagoge und nahm dafür einen Kredit in Höhe von 500 Reichstalern Gold auf. Man errichtete eine Kanzel, stellte Bankreihen auf, gestaltete den Innenraum aufwendig und der Religionslehrer sorgte für feierlichen Chorgesang. Mit rund 130 Gemeindemitgliedern war Stavenhagen damals die fünftgrößte jüdische Gemeinde im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin.

Mit dem Beitritt von Mecklenburg-Schwerin zum Norddeutschen Bund 1867 erhielten die Juden die Bürgerrechte und damit auch die Erlaubnis, in Großstädte zu ziehen und auszuwandern. Viele jüdische Familien nahmen dies wahr und so schrumpften die jüdischen Landgemeinden. Aus finanziellen Gründen und weil die zur Durchführung des Gottesdienstes erforderlichen zehn Männer oft nicht mehr zusammenkamen, fusionierten diese Gemeinden. Nach den Juden Malchins schlossen sich 1930 auch die Mitglieder der Gemeinden Teterow, Gnoien und Dargun der jüdischen Gemeinde Stavenhagens an. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten Anfang 1933 verstärkte den Abwanderungsprozess und 1935 mussten auch in Stavenhagen die Gottesdienste eingestellt werden. Von da an stand die Synagoge leer. Der letzte Rabbiner der Gemeinde, Sally Schlachter, lebte mit seiner Frau noch bis zum 7. September 1938 im Gemeindehaus und floh dann nach England.
Als am 9. Und 10. November 1938 in ganz Deutschland gewaltsame Angriffe auf Juden und ihre Einrichtungen verübt wurden, blieb auch die Synagoge in Stavenhagen nicht verschont. Die Innenausstattung wurde zerschlagen und die Synagoge in Brand gesetzt. Ein Nachbar, der Schuhmachermeister Bilsath, löschte das Feuer, wahrscheinlich aus Sorge um sein eigenes Haus.

Die jüdische Gemeinde Stavenhagens verkaufte am 2. März 1939 ihr Grundstück zu Gunsten der Reichsvereinigung der Juden für 7.000 Reichsmark an den Tischler Carl Dubbert. Dieser nutzte die Synagoge fortan als Werkstatt und Lagerraum, das ehemalige Gemeindehaus diente seiner Familie als Wohnhaus.

1942 wurden die letzten acht jüdischen Einwohner Stavenhagens nach Auschwitz deportiert und ermordet. An sie erinnern Stolpersteine vor den Häusern Malchiner Straße 23 und Amtsbrink 15.

Eine ausführliche Dokumentation findet sich in:

Dorothee Freudenberg: Die Geschichte der jüdischen Gemeinde Stavenhagen 1750-1942. Das Buch (199 S.) wurde 2020 von der Landeszentrale politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern und dem Verein Alte Synagoge Stavenhagen gemeinsam herausgegeben und kann für 10 € bei der LpB M-V online erworben werden.