Geschichte der jüdischen Gemeinde und der Synagoge Stavenhagen

Erste jüdische Spuren finden sich in Stavenhagen in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Juden hatten damals keine Bürgerrechte und für das Wohnrecht und das Recht, ein Gewerbe zu betreiben, mussten sie einen „Schutzbrief“ erwerben und als „Schutzjuden“ dem Landesherzog jährliche Abgaben zahlen.

Die jüdische Gemeinde Stavenhagens entwickelte sich rasch. Im Jahr 1764 erwarben die Stavenhagener Schutzjuden eine Fläche am Stadtholz und legten dort ihren Friedhof an. Zwanzig Jahre später konnte die Gemeinde ein Grundstück mit einem Wohnhaus und dahinter liegendem Garten kaufen, die heutige Adresse des renovierten Hauses ist die Malchiner Straße 38. Im Untergeschoss wurde die Schul- und Betstube eingerichtet und im Obergeschoss die Wohnung des Religionslehrers und Rabbiners.

Die Synagoge ist eine der ganz wenigen ursprünglich erhalten gebliebenen Synagogen in Mecklenburg-Vorpommern. Das Foto zeigt den Zustand im Jahre 1988.

Die Synagoge wurde erst 1842 erbaut und zwar im Hinterhof des Gemeindehauses, denn sie durfte von der Straße aus nicht sichtbar sein. Wie in Mecklenburg üblich, handelte es sich um einen einfachen Fachwerk-Walmdachbau mit einem fast quadratischen Grundriss von 10 mal 12 Metern. Der Haupteingang lag an der Südseite, eine weitere Tür an der Nordseite, von wo eine Treppe auf eine Empore führte. Dort nahmen die Frauen Platz, während die Männer unten im eigentlichen Synagogenraum beteten. Zum Bau wurde hochwertiges Eichenholz verwendet, was sich fast 200 Jahre später auszahlte, als beim Wiederaufbau viele Originalbalken eingesetzt werden konnten. Von der Mikwe (rituelles Tauchbad), die erst nachträglich ans Gemeindehaus angebaut wurde, gibt es leider keine Überreste mehr.

Um 1829 lebten in Stavenhagen 119 Juden und Jüdinnen in 19 Haushalten, womit die jüdische Gemeinde nach Schwerin, Güstrow, Parchim und Waren die fünftgrößte in Mecklenburg-Schwerin war, mit etwas über 10% hatte Stavenhagen dabei den höchsten jüdischen Bevölkerungsanteil. Das Wachstum setzte sich fort und 1860 wohnten 160 Juden und Jüdinnen in Stavenhagen. Nachdem die Juden in Deutschland 1869 endlich ihre Gleichberechtigung und damit auch das Recht der freien Wohnortwahl erreicht hatten, setzte in allen kleineren Landgemeinden eine Abwanderung ein, so auch in Stavenhagen.

Bis zum Aufkommen des Nationalsozialismus lebten Juden und Christen in Stavenhagen friedlich zusammen und die Juden waren in der bürgerlichen Gesellschaft anerkannt. Stavenhagens größter Sohn, der Dichter und Erzähler Fritz Reuter (1810-1874), hat einigen von ihnen in seinen Werken ein literarisches Denkmal gesetzt.

Die meisten jüdischen Familien Stavenhagens lebten vom Handel und durch die Inflation und später die Weltwirtschaftskrise verschlechterte sich ihre wirtschaftliche Situation.

Im Jahr 1933 hatte die Stadt nur noch 18 Einwohner jüdischen Glaubens und 1935 fand in der Synagoge der letzte reguläre Gottesdienst statt, der die Anwesenheit von zehn Männern (Minjan) voraussetzt. Seitdem stand die Synagoge leer.

Mit dem von den Nationalsozialisten ab April 1933 organisierten Boykott jüdischer Geschäfte gerieten die jüdischen Familien in Not und weitere antisemitische Aktionen machten ihr Leben unerträglich. Wer konnte, ging ins Ausland oder zog nach Berlin, in der Hoffnung auf bessere Lebenschancen in der Großstadt. Im September 1938 floh Sally Schlachter, der letzte Rabbiner Stavenhagens, mit seiner Ehefrau nach England. Das Pogrom vom November 1938 hätte das Rabbinerpaar wohl kaum überlebt.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerschlugen Stavenhagener Nazis die Einrichtung der Synagoge und legten Feuer. Ein Nachbar löschte jedoch rechtzeitig den Brand, wahrscheinlich aus Angst um sein eigenes Haus. Am nächsten Tag zertrümmerten die Schlägertrupps die beiden letzten jüdischen Geschäfte und alle jüdischen Männer wurden ins Gefängnis Alt-Strelitz in „Schutzhaft“ gebracht. Spätestens jetzt war allen Juden klar, dass sie so schnell wie möglich Deutschland verlassen mussten, was jedoch wegen der geforderten hohen Sondersteuern und Abgaben vielen nicht mehr gelang.

Am 2. März 1939 verkauften die verbliebenen sieben Mitglieder der jüdischen Gemeinde Stavenhagens das Hausgrundstück mit ihrer Synagoge für 7.000 Reichsmark an den Tischlermeister Carl Dubbert. Dieser baute den Betraum zur Werkstatt um und zog mit seiner Familie ins Vorderhaus, das ehemalige Gemeindehaus.

Am 10. Juli 1942 wurden die letzten acht jüdischen Einwohner Stavenhagens nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. An sie erinnern Stolpersteine vor ihren Wohnhäusern.

   

Literaturhinweise:

Jürgen Borchert, Detlef Klose: Was blieb... Jüdische Spuren in Mecklenburg; Verlag: Haude & Spener; 1994

Angelika Hergt, Schwerin et Al.: Zeugnisse jüdischer Kultur; Verlag: Tourist Verlag GmbH, Berlin; 1992